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Menschenwürde und "einfache Arbeit" (Seite 109 ff.)
In der Denk- und Handlungswelt des hier diskutierten Buches gibt es noch eine zweite Fiktion, die die Situation für „die heute jungen Opfer unseres schlechten Bildungssystems“ noch verschärfe, weil diese „jungen Opfer“ den „stetig steigenden Anforderungen an die Beschäftigten“ nicht genügten (S. 142). Ein Element der Inhumanität dieser „schönen neuen Welt“ ist die Ignoranz einer weiterhin bestehenden Notwendigkeit und Existenzberechtigung „einfacher“ Arbeiten und, so man es so ausdrücken will, auch der „einfachen“ Menschen, die heute ja permanent und immer vehementer abgelehnt und abgewertet werden. So, wie mit leichter Hand die nichtakademischen heutigen Erzieherinnen, die ja unser heutiges Gemeinwesen mit vielen anderen mit aufgebaut und es damit zu etwas gebracht haben, zugunsten akademisch gebildeter Nachfolger/innen abgewickelt werden sollen, so erkennt man in dieser neuen Sicht nicht mehr an, daß der Mensch jeder Mensch! aus sich heraus einen jeweils eigenen und einzigartigen Wert hat, der als „Menschenwürde“ oberste Verfassungsverpflichtung aller Staatsgewalt ist.
Es ist eben falsch und inhuman zu glauben, einen jeden stetig höher qualifizieren zu müssen, und damit jene, die nicht mehr mitkommen wollen oder können, permanent abzuwerten, wenn es keinen objektiven sachlichen Grund für diese Spirale gibt. Dieser Höherqualifizierungsfetischismus erscheint schon deswegen absurd, weil diese „höherwertigen“ Arbeitsplätze nicht beliebig vermehrt werden können.
Ohne solchermaßen höhere Qualifikationen erzwingende Arbeitsplätze oder, allgemeiner gesagt, Aufgaben zu haben oder sie notwendigerweise zu brauchen, ist alles ein billiges Hamsterrad, zermürbend für seine Insassen, lustig von außen anzuschauen, ohne daß die Getriebenen auch nur einen Zentimeter weiter kämen. Ein Element der Kälte dieser neuen Welt, die den behaupteten „Zweiklassenstaat“ ablösen und überwinden soll, ist die Leistungsuniformierung aller und ihre Kontrolle und Manipulation durch selbsternannte Eliten.
Anders ausgedrückt: Man schafft Qualifikationen, für die man keine Arbeitsplätze mit entsprechender Bezahlung zur Verfügung hat. Das ist zwar ärgerlich und unwirtschaftlich, aber noch nicht eigentlich inhuman. Inhuman wird das System dadurch, daß man Menschen mit „niedrigeren“ Abschlüssen oder „niederwertigeren“ Tätigkeiten inflationär abwertet. Warum sollen die Chancen einer Gesellschaft nur denen zur Verfügung stehen, die mit entsprechenden Ausbildungen und Arbeitsplätzen privilegiert sind? Warum schlägt sich eine politische Richtung, die die „Kleinen“ vor „Eliten“ schützen zu wollen vorgibt, derart auf die Gegenseite, indem sie die fortlaufende „Höherqualifizierung“ zum Prüfstein macht? Hält sie nicht je nach Sichtweise die „Kleinen“ dadurch in Laune oder in Schach, indem sie sie nach ihren Kriterien nachreifen läßt, wobei der einzig wirklich sichere Mechanismus der Machterhalt und die Ernährung der Nachqualifizierer ist?
Warum soll eine Gesellschaft nicht auch Schutz und Raum für die bieten, die das Hamsterrad des Schneller-Höher-Besser nicht besteigen oder es verlassen wollen?
Wenn eine Gesellschaft wie im diskutierten Buch die als „Verlierer“ Taxierten mit „durchfüttern“ muß, warum entwertet sie „einfache“ Arbeiten und läßt zu, daß diese Arbeitsplätze massenhaft verschwinden? Warum zahlt sie Sozialhilfe an die „Verlierer“, die den „Etablierten“ dafür auch noch Ressentiments entgegenbringen
und die sie ihrerseits vielleicht verachten?
Warum gibt es immer weniger den Menschen am Telephon statt des Sprachautomaten in der „Hotline“ vieler Konzerne?
Machen nicht diese Sprachautomaten die Anrufer ihrerseits zu Sprachdeppen und Tastenidioten?
Warum gibt es in Deutschland den Tankwart, der im Süden Europas noch so selbstverständlich ist, nicht mehr?
Warum blutet die soziale Dimension unserer Arbeitswelt immer weiter aus? Wer rettet unser Sozialsystem für die Schwachen, gerade auch dann, wenn sie nicht jede Neuerung mitmachen? Auch wenn sie aus schlechter Erfahrung häufiger diese Gesellschaft als solche in Frage stellen?
Wenn schon so viel Geld und Phantasie für die Analyse und Therapie der Zukunft aufgewendet wird: Warum kein Mut zu mehr Differenziertheit? Warum ist es so schwer, einen Menschen mit „einfacher“ Arbeit als Mitmenschen genau so zu achten wie den „Winner“ unserer hektischen Zeit? Warum haben wir den Glauben daran verloren, daß jemand, der eine „einfache“ Dienstleistung erbracht hat, abends nicht mindestens genauso zufrieden nach Hause kehrt, wie der in harten Diskussions- und Taktikschlachten geübte Politiker, der Multifunktionär, der Yuppie?
Der Privilegierte, der vielleicht nur noch „Lebenspartnerschaften“ statt Familie und Kinder die Zukunft auch unseres Landes kennt, mag statt dessen glauben, daß das richtige Leben dann stattfindet, wenn man abends noch in irgendwelche Konferenzen irrt oder sich im verschworenen Kreis seiner engsten „Freunde“ auf zukünftige Erfolge einschwört und die nächste Schlacht plant.
Jeder Mensch hat, unabhängig von seiner Weltanschauung, sein in unserer Verfassung garantiertes Recht auf Menschenwürde. Dieses hat man ihm nicht gegeben, und man kann es ihm auch nicht verwehren. Es gehört in humaner Weltsicht einfach zum Wesen des Menschen. Einzig die (Be-)Achtung und der Schutz dieser Menschenwürde auch durch den Staat bedurften der an prominentester Stelle und auch als unabänderlich festgelegten Erwähnung in unserer Verfassung. Sie erwuchs ja innenpolitisch aus den Trümmern eines andersdenkenden und -handelnden Terrorregimes und eines furchtbaren Weltkriegs.
Warum, um dies hier abzuschließen, redet man einen gesamten Berufsstand, nämlich den der „ungelernten“ oder eben nur nichtstudierten gelernten Erzieherin ohne Chance auf Gehör oder Gegenwehr zu Tode, um den einer akademischen Erziehungskraft zu kreieren, den eine warme und überlebensfähige Gesellschaft vielleicht gar nicht so dringend braucht? Wo bleibt die Würde dieser Menschen? Warum ist plötzlich alles, was unser Gemeinwesen bisher hervorgebracht hat und das ihm den heutigen Stand ermöglicht hat, falsch und zukunftsunfähig? Wenn nein: Wer versucht und warum , uns das Gegenteil einzureden? Warum versuchen wir uns immer international kleinzureden und überanzupassen, statt als Gesellschaft und als Staat einen eigenständigeren Weg zu wagen, ohne unsere Solidarität mit den anderen aufzukündigen? Was denn, wenn nicht die Andersartigkeit, macht den Charme eines Urlaubslandes aus? Sind es nicht gerade die lokalen und patriotischen Typica auch im „innereuropäischen“ Ausland, die uns Deutsche oft erstaunen lassen, während uns in der Heimat „Globalisierung“ und „Europäisierung“ oft als Einschränkung und Bedrohung erscheinen?
In der Psychologie unklar bleibt übrigens ihr Stellenwert im hier diskutierten Buch gibt es zwei wichtige neue Tendenzen gegen die Hetze und das Gehetztwerden in dieser neuen Welt: Die Simplifizierung und die Entschleunigung. Also nicht die Tempomacher, die sich an die Spitze eines beobachteten oder auch nur vermuteten Trends setzen und schneller als die anderen sein wollen oder müssen und die sich allein schon durch die ständige Komplizierung unentbehrlich machen zu können hoffen, sondern die Ruhe zur Reifung, zum Nachdenken, zum Ge113 spräch, und die Ehrfurcht vor dem Mitmenschen in seiner Gesamtheit und seiner Einzigartigkeit wären anstrebenswürdige Bausteine einer erlebenswerten Zukunft. Es ist zu befürchten, daß die heutigen Macher mit dieser neuen (oder wieder neu zu entdeckenden) Welt nicht viel anzufangen wissen.
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